Über Stift und Stein – was Schriftsteller und Bergsteiger verbindet

Berge sind feste Größen. Auch wenn wir von Geologen wissen, dass sich Berge aufgrund anhaltender tektonischer Verschiebungen der Erdplatten millimeterweise heben oder senken, sind sie doch der Inbegriff des Unverrückbaren. Veränderlich aber ist unser Blick auf die Berge. Dieser ist durch die Kultur und nicht zuletzt die Literatur geprägt. Unsere Annäherung an die Berge beginnt mit den Beschreibungen von Bergen und den ersten Versuchen ihrer Besteigung.

Schriftsteller Berge Buch - Katrin von Mengden Brecker Blog

Nicht nur in kulturellen Hinsicht sind Schriftsteller und Bergsteiger einander verbunden: Beide begegnen, wenn sie ihre Tätigkeit ernst nehmen, früher oder später dem eigenen Ich, blicken in ihr Inneres und stoßen dabei oft auf neue, unvermutete Empfindungen. Der Literat bringt sie zu Papier. Der Bergsteiger läuft gleichsam durch sie hindurch und kehrt körperlich erschöpft, aber mental gestärkt von seiner Tour zurück. Dies erklärt die Zufriedenheit von Bergsteigern selbst dann, wenn ihnen der Gipfel verwehrt bleibt. Und auch Schriftsteller kennen das Gefühl, dass sie trotz härtesten Ringens mit einem Text erschöpft den Stift fallen lassen und den Versuch, jedenfalls für diesen Tag, abbrechen müssen.

Berggipfel - Katrin von Mengden Brecker Blog

Der Schweizer Schriftsteller Emil Zopfi kennt beide Perspektiven: Er klettert und schreibt über Berge und beschreibt einfühlsam die Kultur des Bergsteigens, die sich bei aller physischer Anstrengung doch von sportlicher Tätigkeit unterscheidet: „Die Idee, dass eine Bergspitze ein erstrebenswertes Ziel sein könnte, für das sich Mühe und Gefahr lohnen, nimmt erst durch ihre literarische oder künstliche Darstellung Gestalt an. […] Bild und Bericht öffnen den Weg für die Nach- und Weitersteigenden. Klettern wird zu einer Art Lesen […]« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 13).

Schreiben - Katrin von Mengden Brecker Blog

Emil Zopfi schreibt aus eigenem Erleben. Zugleich portraitiert er in „Dichter am Berg“ schreibende Bergsteiger und steigende Literaten, darunter Hermann Hesse. Dieser beschreibt die Empfindungen, die Natur und Landschaft, Luft und Licht hervorrufen und vergleicht sie mit der Freude an der Lektüre eines Gedichtes: „Die Abwechslung von Fels und Schnee, besonnten Kanten und dunklen Schlünden an einer Gipfelkette, der launische Weg, den ein kleiner Wolkenschatten über diese zackige und zerklüftete Vielfalt hin beschreibt, können einen fesseln und entzücken wie die Rhythmen und Zäsuren eines Gedichtes.“

(Hermann Hesse, Rigi-Tagebuch, August 1945, in: Michels, Volker (Hrsg.): Hesse, Sämtliche Werke in 20 Bänden, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Band 11, Autobiographische Schriften I, Wanderungen – Kurgast – Die Nürnberger Reise – Tagebücher, 2001, Seite 720).

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Weitere Zitate aus Emil ZopfisDichter am Berg“ und Gedanken zur Wechselwirkung zwischen Bergsteigern und Schriftstellern finden Sie auf der Seite „bergzitat“ von Katrin von Mengden-Breucker unter http://www.bergzitat.de/2016/06/schreiben-und-steigen-bergsteigen-und-literatur-bei-emil-zopfi/

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Alboins Bergbesteigung – eine erste mittelalterliche Gipfeltour

Was die Menschen in prähistorischer Zeit bis ins Mittelalter hinein taten und dachten, wissen wir nicht. Wir können nur nachvollziehen, was aufgezeichnet ist. Und das ist wenig genug. Wir wissen nicht, wann sich der Mensch erstmals auf einen höheren Berg hinaufwagte. Aus den bis dato bekannten Funden und Aufzeichnungen lässt sich schließen, dass er hohe Berge lieber von Ferne als aus der Nähe betrachtete und als besondere, mythische oder – je nach Religion – heilige Orte verehrte. Das heute in westlichen Kulturkreisen herrschende Verständnis der Berge als ein Teil der Natur und des Bergsteigens als einer körperlichen und mentalen Herausforderung, ist wohl erst eine Frucht der Neuzeit. Noch im Mittelalter galten Berge als gefahrdrohende, das Fortkommen hemmende Urgewalten, denen man besser fern blieb.

Alboin Alpen Nebel - Katrin von Mengden Brecker Blog
Alboin Alpen Nebel

Umso bemerkenswerter ist eine Schilderung aus dem frühen Mittelalter: Der benediktinische Mönch Paulus Diaconus (ca. 725 – 795 n. Chr.) beschreibt in seiner „Historia Langobardorum“ eine Gipfelbesteigung König Alboins auf dessen Zug aus Pannonien (heutiges westliches Ungarn) über die östlichen Alpen nach Italien. Im Jahr 568 n. Chr. soll Alboin auf einen – bei Paulus Diaconus nicht näher bezeichneten – Berg gestiegen sein, um einen ersten Blick nach Italien zu werfen:

»Als nun König Alboin mit seinem ganzen Heer und einer bunten Menge Volks im Grenzgebiet von Italien angekommen war, bestieg er einen Berg, der jene Gegend überragt, und betrachtete von dort aus ein Stück Italien, soweit sein Auge reichte.«

(Paulus Diaconus, Geschichte der Langobarden – Historia Langobardorum -, herausgegeben und übersetzt von Wolfgang F. Schwarz, Darmstadt 2009, Seite 163 Rn 8)

Alboin Alpen - Katrin von Mengden Brecker Blog

Es ist der erste bekannte mittelalterliche Bericht einer freiwilligen Bergbesteigung. Charakteristisch für das überkommene, mythische Verständnis der Berge ist es, dass die Besteigung dem König vorbehalten bleibt und einem besonderen Zweck – dem biblisch angehauchten Blick ins „gelobte Land“ – dient. Und doch rückt Alboin die Möglichkeit einer profanen „Gipfeltour“ ins Bewusstsein der Menschen und Paulus Diaconus kann bis auf Weiteres für sich in Anspruch nehmen, in seiner Langobardengeschichte im achten Jahrhundert den ersten – wenn auch kurzen – „Bergsteigerbericht“ verfasst zu haben.

Alboin Alpen Abendsonne- Katrin von Mengden Brecker Blog

 

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker