„…6.000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen“

Dass ein Mensch durch seine Umgebung inspiriert wird, ist keine grundstürzend neue Erkenntnis. Selten aber hat ein Denker eine solch enge Verbindung zwischen der Landschaft und den in ihr entstandenen Gedanken hergestellt wie Friedrich Nietzsche: „Dieses Engadin ist die Geburtsstätte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht `Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen`“. So schrieb Nietzsche seinem Freund Heinrich Köselitz, der sich auf Vorschlag Nietzsches als MusikerPeter Gast“ nannte, am 3. September 1883 nach Venedig. Nietzsche beschrieb darin den Moment, in dem ihm während eines Spaziergangs entlang des Silvaplaner Sees im Oberengadin der Gedanke der „ewigen Wiederkehr“ allen Geschehens kam. Er wurde zum gedanklichen Kern seines philosophischen Hauptwerkes „Also sprach Zarathustra“.

Bild_Text_Nietzsche_1 - Katrin von Mengden Breucker Blog

Vereinfacht gesagt geht Nietzsche davon aus, dass die Welt aus einer definierten Menge an Energie oder Kraft besteht. Das bewegte Leben ist damit nichts anderes als die jeweilige, flüchtige Manifestation einer insgesamt gleichbleibenden Energie. Zwar verändert sich das Dasein in jeder Sekunde und ist ständig in Bewegung; die Summe der zugrundeliegenden Kräfte bleibt jedoch immer gleich. Hieraus folgert Nietzsche, dass die durch die gleichbleibende Kraft hervorgerufenen Konstellationen endlich seien. Früher oder später – über Äonen gedacht – müssen sich demnach die Manifestationen der gleichbleibenden Energie wiederholen. Jeder Zustand wird tritt also früher oder später erneut auf. Alles kehrt wieder.

Bild_Text_Nietzsche_2 - Katrin von Mengden Breucker Blog

„…ich liebe die Ebenen nicht“

Zarathustra, der Protagonist in Nietzsches dichterischer Philosophie, gewinnt diese Einsicht in der Einsamkeit der Berge. Später verkündet er seine Lehren an Eingeweihte, da die Menge nicht fähig sei, seine Gedanken aufzunehmen. Dabei bleibt er, wie er selbst sagt, „ein Wanderer und Bergsteiger“. Denn, so lässt Nietzsche seinen Zarathustra sagen: „ich liebe die Ebenen nicht, und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen“.

Silvaplanersee
Von Adrian MichaelEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4480963

Nietzsches Pathos und Selbsteinschätzung – manche sagen Selbstüberschätzung – entsprach es, dass er den in „Zarathustra“ formulierten Gedanken eine ähnliche Höhe zumaß wie der Umgebung, in der sie entstanden: Das Hochtal von Sils Maria, Silvaplana und St. Moritz liegt wie der nahe Bergsteigerort Pontresina auf ca. 1.800 Meter und ist von bis zu viertausend Meter hohen Bergen umragt. Dort fand Nietzsche in sieben Sommern in den Jahren 1881 und 1883 – 1888 die äußere und innere Ruhe, um konzentriert an seinen Werken zu arbeiten. Die Höhenluft milderte seine Krankheitsanfälle, die sich namentlich in Kopfschmerzen äußerten, und war seinem schweren Augenleiden zuträglich. Die Bewegung in der Berg- und Seenlandschaft auf ausgedehnten Spaziergängen tat ihm körperlich und geistig gut: „Mein Aussehen ist übrigens vortrefflich, meine Muskulatur infolge meines beständigen Marschierens fast die eines Soldaten, Magen und Unterleib in Ordnung. Mein Nervensystem ist, in Betracht der ungeheuren Tätigkeit, die es zu leisten hat, prachtvoll […]“, schrieb Nietzsche in seinem ersten Silser Sommer 1881 an Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg.

Nietzsche_Felsen_Silvaplaner_See - Katrin von Mengden Breucker Blog

Der Fels am Silvaplaner See, an welchem Nietzsche die Inspiration zu seinem „Zarathustra“ gekommen sein soll, wird bis heute von Nietzsche-Adoranten besucht. Auf der Halbinsel Chasté, einem von Nietzsches Lieblingsorten für Spaziergänge – haben zwei seiner Bewunderer, die Musiker Carl Fuchs (1838 – 1922) und Walther Lampe (1872 – 1964), Zarathustras Mitternachtslied („Das trunkene Lied“) – in den Felsen hauen lassen.

Felsen_Mitternachtslied - Katrin von Mengden Breucker Blog

An diesem Ort – mit Blick auf den Silser See und die Berge ringsum – kann man sich lebhaft vorstellen, wie es Nietzsche ergangen sein mag, als er nachdenkend am Ufer entlangwanderte und äußerlich und innerlich Rast hielt. Nietzsche schreibt im Gedicht „Sils Maria“:

Hier saß ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts,

Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts

Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,

Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

 

Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei —

Und Zaratustra ging an mir vorbei …

See - Katrin von Mengden Breucker Blog

Ob Nietzsche auch anderorts auf „Zarathustra“ gestoßen wäre, bleibt Spekulation. Seine Gedanken sind mit dem Silser Hochtal verbunden und wer sich darauf einlassen will, kann ihnen bis heute nachspüren.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

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Autor: katrinvonmengdenbreucker

Die Autorin, Katrin von Mengden-Breucker, liebt Berge und Berglektüre und will einige daraus gewonnene Eindrücke und Gedanken gerne mit anderen teilen. Katrin von Mengden-Breucker lebt im hügeligen Stuttgart.

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