„…lotrecht schoß der Fels über hundert Klafter in die Tiefe“ – Berglandschaft bei Theodor Storm

Von Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Theodor Storm gilt als Meister der Landschaftsschilderung. Wenige Worte nur braucht Storm, um seine Leser in die Szenerie einzuführen. Berühmt sind Storms Schilderungen der nordfriesischen Küstenlandschaft. Aufgewachsen in Husum, war dieser Landstrich Storm von Kindesbeinen an vertraut. Schwemmwiesen („Marsch“), Deiche und Dünen, Wind und Wellen der Nordsee bilden die Kulisse für Storms Novellen und prägen zugleich die für Storm typische, mystisch-unheilverkündende Grundstimmung. Die ebenso raue wie schöne friesische Küste war die längste Zeit seines Lebens Storms Heimat.

Harz_Bachlauf - Katrin von Mengden Breucker
Harz Bachlauf

Einige Jahre jedoch lebte Storm im Binnenland: Das Jurastudium führte ihn 1838 für zwei Semester nach Berlin, ehe er an die Kieler Universität zurückkehrte und dort Examen machte. Nach dem Studium trat er 1843 als Rechtsanwalt in die Kanzlei seines Vaters in Husum ein. Nach der Niederlage der schleswig-holsteinischen Freiheitsbewegung, der Storm nahestand, musste er seine Tätigkeit als Anwalt aufgeben. Die dänische Krone hatte seine Bestallung als Rechtsanwalt widerrufen, da er nicht bereit war, eine Loyalitätserklärung zugunsten Dänemarks abzugeben. So nahm Storm nolens volens eine Anstellung im preußischen Justizdienst, zunächst als Gerichtsassessor, später als Kreisrichter an. In Potsdam übte er die Tätigkeit eines Amtsrichters aus. Von dort reist er 1855 zu Eduard Mörike nach Stuttgart und erhält dort wertvolle dichterische Impulse. Noch auf der Fahrt in der Eisenbahn von Stuttgart nach Heidelberg schreibt er seine Eindrücke freudig nieder.

Stuttgart Besuch Storms bei Mörike - Katrin von Mengden Breucker
Stuttgart Besuch Storms bei Mörike

Im Jahr 1859 nimmt er die Stelle eines Kreisrichters – vergleichbar dem heutigen Amtsrichter – in Heiligenstadt im Harz an. So fügte es sich, dass der „Küstenjunge“ Storm in seiner Novelle „Eine Malerarbeit“ eine Berglandschaft des Brocken-Gebirges schildern durfte: In einer für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts typischen Landpartie geht es zunächst in der Kutsche, anschließend zu Fuß auf die „Teufelskanzel“ ins Mittelgebirge. Unprätentiös und selbstverständlich – wie sein ganzer Erzählstil – beschreibt Storm den Aufstieg und die Ankunft auf der Teufelskanzel und das Hochgefühl angesichts des sich bietenden Rundblicks:

Endlich langte man in einem Dorfe unterhalb des Gebirges an, von wo aus es zu Fuße nach der Teufelskanzel hinaufgehen sollte, einem breiten Felsenvorsprung, zu dem ein ziemlich steiler Weg etwa eine Stunde lang durch niedriges Gebüsch hinaufführte. […]„Endlich war die Teufelskanzel erreicht. Sie war nicht unbefugt, diesen Namen zu führen; lotrecht schoß der Fels über hundert Klafter in die Tiefe, wo sich unten im Sonnenglanz die lachendste Landschaft ausbreitete. Durch grüne Wiesen, an Dörfern und Wäldern vorbei, floß in vielen Krümmungen ein glänzender Strom, dessen Rauschen in der Mittagsstille zu uns heraufklang, und drüber her, in gleicher Höhe mit uns, standen die Lerchen flügelschlagend in der Luft und mischten ihren Gesang in die Musik der Wellen. Wer dessen noch fähig war, der mußte hier von Lebens- und Liebeslust bestürmt werden.“

Harzlandschaft - Katrin von Mengden Breucker
Harzlandschaft

Symbolisch steht die Bergwanderung für eine Wende im Leben der Hauptperson, des körperlich beeinträchtigten Malers Edde Brunken. Während des Aufstiegs, den er aufgrund seiner Behinderung hoch zu Ross absolviert, steigert sich nach und nach sein Stimmung und seine Hoffnung auf Erwiderung seiner Zuneigung zur jungen Gertrud, die ihm Modell saß und ebenfalls an der Bergpartie teilnimmt. Im Angesicht der zu Füßen der Teufelskanzel liegenden schönen Landschaft vergisst Brunken seine körperlichen und seelischen Leiden und überwindet kurzzeitig die Zweifel, ob er trotz seiner Einschränkungen die Liebe Gertruds gewinnen kann: „… die Welt ist doch schön!“ sagt er und ergreift die Hand des Erzählers. Doch wie das Gipfelerlebnis jeder Bergtour ist auch das Hochgefühl des Malers endlich. Nachdem er Gertrud – allegorisch in einem Märchen verpackt – seine Liebe offenbart, erfährt er – als heimlicher Mithörer – die Zurückweisung. Da ihn Gertrud nicht zuletzt aufgrund seiner Behinderung ablehnt, ist er doppelt getroffen und muss seelisch und körperlich geschlagen herabsteigen.

Die Bergtour bedeutet eine Zäsur in seinem Leben: Er verlässt das Heimatstädtchen und beginnt fernab eine neue Existenz. Dabei findet er Geborgenheit im Hause seiner Schwester und geistige Erfüllung durch die Seelenverwandtschaft mit einem jungen Bauernbuschen, dessen malerisches Talent er erkennt und den er fürderhin künstlerisch ausbildet. So verläuft denn nach dem schroffen Abbruch der vermeintlich idyllischen Landpartie das Leben des Malers wie Storms Novelle doch noch versöhnlich.

Husum Graue Stadt am Meer - Katrin von Mengden Breucker
Husum Graue Stadt am Meer

Storm kehrte nach den schaffensreichen Heiligenstädter Jahren 1864 zunächst als Landvogt, später als preußischer Amtsrichter in seine Heimatstadt Husum zurück, bevor er sich 1880 auf seinen Alterssitz nach Hademarschen zurückzieht. Dort vollendete er kurz vor seinem Tod seine berühmteste Novelle, den „Schimmelreiter“.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

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