Als der Alpinismus laufen lernte

Mont Ventoux Blick Schuppen

Francesco Petrarca auf dem Mont Ventoux

Ob er überhaupt oben war, ob dies – gegebenenfalls – am 26. April 1336 geschah, und ob er tatsächlich, wie er vorgibt, seinen Bericht noch in gleicher Nacht niederschrieb – all dies ist umstritten. Unstreitig bildet aber der Bericht des Dichters und Humanisten Francesco Petrarca von seiner Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336 einen Markstein, viele sagen den Beginn des Alpinismus. Denn Petrarca war, soweit ersichtlich, der erste, der zweckfrei und aus Interesse an der Natur einen Berg der Alpen erklomm. Jedenfalls war er der erste, der darüber einen literarischen Text verfasste. Daher gilt Petrarcas Bericht von der Besteigung des Mont Ventoux zugleich als Geburtsstunde des Alpinjournalismus.

Pont Avignon

Francesco Petrarca war mit seinem aus der Toskana verbannten Vater im Jahr 1310 im Alter von 6 Jahren nach Avignon gekommen. Der als Anwalt tätige Vater nahm für sich und seine vierköpfige Familie eine Wohnung im circa 20 Kilometer nordöstlich gelegenen Carpentras, da Avignon als neuer Sitz der Kurie überfüllt war. In Carpentras hatte der junge Petrarca den Mont Ventoux und die westlichen Alpen ständig vor Augen. Glaubt man seinem Bericht, so trug er sich schon seit langem mit den Gedanken, den markanten, weithin sichtbaren Mont Ventoux einmal zu ersteigen. Ein Gedanke, der den damaligen Menschen, die in den Ebenen genug Sorgen hatten, normalerweise nicht in den Sinn kam.

Nach Studium der Rechtswissenschaften in Montpellier und Bologna widmete sich Petrarca in Avignon dem Studium der antiken Literatur und verfasste die berühmten Laura-Gedichte. Im Alter von knapp 32 Jahren setzte er dann gemeinsam mit seinem Bruder und zweier Diener seinen lange gehegten Plan in die Tat um und bestieg den Mont Ventoux. Dass er tatsächlich oben war, gilt als wahrscheinlich, da er die Konturen des Berges und insbesondere den Ausblick vom Gipfel konkret beschreibt. Da damals keine anderweitigen Quellen zur Hand waren, kann er diese Erkenntnisse nur selbst gewonnen haben.

Avignon Fernsicht Alpenausläufer

Petrarcas Bericht gilt als bedeutsam, da er den Blick des Menschen auf die Natur richtete und das Bergsteigen als eigenständiges „Erlebnis“ definierte. Zugleich berichtet er über seine Reflektionen während des Aufstiegs, was bis heute für viele Bergjournalisten charakteristisch geblieben ist. Zugleich nutzt Petrarca den Bericht, um seine geistlichen Erkenntnisse und seine von Augustinus geprägte theologische Haltung kund zu tun. Auf dem Höhepunkt der Bergtour und des Berichts – auf dem Gipfel des Mont Ventoux – schlägt Petrarca die von ihm hochgeschätzten „Bekenntnisse“ (Confessiones) des Augustinus auf und liest dort die berühmten Zeilen: „Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die gewaltigen Fluten des Meeres, das Fließen der breitesten Ströme, des Ozeans Umlauf und die Bahnen der Gestirne – und verlieren dabei sich selbst.“

Hieraus zieht Petrarca den Schluss, dass das Trachten des Menschen nicht auf Äußerlichkeiten – auch nicht auf die „Bezwingung“ von Bergen – gerichtet sein soll; vielmehr wird dem Menschen Erfüllung nur zuteil, wenn er sich mit ganzer Kraft und ganzer Seele seiner selbst gewahr wird und sein Leben dem Glauben und der Annäherung an Gott widmet. Konsequent schildert Petrarca denn auch nach diesem Erweckungserlebnis nicht mehr den Abstieg, sondern betont sogar, dass er auf dem ganzen Abstieg selbst kein Wort mehr gesprochen habe. So endet der abenteuerlustige Aufbruch in die Natur mit einer kontemplativen Reise ins eigene Innere.

Lesen Sie auch den ausführlichen Bericht auf „Bergzitat“Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux

Katrin v. Mengden-Breucker & Marius Breucker

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„…lotrecht schoß der Fels über hundert Klafter in die Tiefe“ – Berglandschaft bei Theodor Storm

Von Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Theodor Storm gilt als Meister der Landschaftsschilderung. Wenige Worte nur braucht Storm, um seine Leser in die Szenerie einzuführen. Berühmt sind Storms Schilderungen der nordfriesischen Küstenlandschaft. Aufgewachsen in Husum, war dieser Landstrich Storm von Kindesbeinen an vertraut. Schwemmwiesen („Marsch“), Deiche und Dünen, Wind und Wellen der Nordsee bilden die Kulisse für Storms Novellen und prägen zugleich die für Storm typische, mystisch-unheilverkündende Grundstimmung. Die ebenso raue wie schöne friesische Küste war die längste Zeit seines Lebens Storms Heimat.

Harz_Bachlauf - Katrin von Mengden Breucker
Harz Bachlauf

Einige Jahre jedoch lebte Storm im Binnenland: Das Jurastudium führte ihn 1838 für zwei Semester nach Berlin, ehe er an die Kieler Universität zurückkehrte und dort Examen machte. Nach dem Studium trat er 1843 als Rechtsanwalt in die Kanzlei seines Vaters in Husum ein. Nach der Niederlage der schleswig-holsteinischen Freiheitsbewegung, der Storm nahestand, musste er seine Tätigkeit als Anwalt aufgeben. Die dänische Krone hatte seine Bestallung als Rechtsanwalt widerrufen, da er nicht bereit war, eine Loyalitätserklärung zugunsten Dänemarks abzugeben. So nahm Storm nolens volens eine Anstellung im preußischen Justizdienst, zunächst als Gerichtsassessor, später als Kreisrichter an. In Potsdam übte er die Tätigkeit eines Amtsrichters aus. Von dort reist er 1855 zu Eduard Mörike nach Stuttgart und erhält dort wertvolle dichterische Impulse. Noch auf der Fahrt in der Eisenbahn von Stuttgart nach Heidelberg schreibt er seine Eindrücke freudig nieder.

Stuttgart Besuch Storms bei Mörike - Katrin von Mengden Breucker
Stuttgart Besuch Storms bei Mörike

Im Jahr 1859 nimmt er die Stelle eines Kreisrichters – vergleichbar dem heutigen Amtsrichter – in Heiligenstadt im Harz an. So fügte es sich, dass der „Küstenjunge“ Storm in seiner Novelle „Eine Malerarbeit“ eine Berglandschaft des Brocken-Gebirges schildern durfte: In einer für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts typischen Landpartie geht es zunächst in der Kutsche, anschließend zu Fuß auf die „Teufelskanzel“ ins Mittelgebirge. Unprätentiös und selbstverständlich – wie sein ganzer Erzählstil – beschreibt Storm den Aufstieg und die Ankunft auf der Teufelskanzel und das Hochgefühl angesichts des sich bietenden Rundblicks:

Endlich langte man in einem Dorfe unterhalb des Gebirges an, von wo aus es zu Fuße nach der Teufelskanzel hinaufgehen sollte, einem breiten Felsenvorsprung, zu dem ein ziemlich steiler Weg etwa eine Stunde lang durch niedriges Gebüsch hinaufführte. […]„Endlich war die Teufelskanzel erreicht. Sie war nicht unbefugt, diesen Namen zu führen; lotrecht schoß der Fels über hundert Klafter in die Tiefe, wo sich unten im Sonnenglanz die lachendste Landschaft ausbreitete. Durch grüne Wiesen, an Dörfern und Wäldern vorbei, floß in vielen Krümmungen ein glänzender Strom, dessen Rauschen in der Mittagsstille zu uns heraufklang, und drüber her, in gleicher Höhe mit uns, standen die Lerchen flügelschlagend in der Luft und mischten ihren Gesang in die Musik der Wellen. Wer dessen noch fähig war, der mußte hier von Lebens- und Liebeslust bestürmt werden.“

Harzlandschaft - Katrin von Mengden Breucker
Harzlandschaft

Symbolisch steht die Bergwanderung für eine Wende im Leben der Hauptperson, des körperlich beeinträchtigten Malers Edde Brunken. Während des Aufstiegs, den er aufgrund seiner Behinderung hoch zu Ross absolviert, steigert sich nach und nach sein Stimmung und seine Hoffnung auf Erwiderung seiner Zuneigung zur jungen Gertrud, die ihm Modell saß und ebenfalls an der Bergpartie teilnimmt. Im Angesicht der zu Füßen der Teufelskanzel liegenden schönen Landschaft vergisst Brunken seine körperlichen und seelischen Leiden und überwindet kurzzeitig die Zweifel, ob er trotz seiner Einschränkungen die Liebe Gertruds gewinnen kann: „… die Welt ist doch schön!“ sagt er und ergreift die Hand des Erzählers. Doch wie das Gipfelerlebnis jeder Bergtour ist auch das Hochgefühl des Malers endlich. Nachdem er Gertrud – allegorisch in einem Märchen verpackt – seine Liebe offenbart, erfährt er – als heimlicher Mithörer – die Zurückweisung. Da ihn Gertrud nicht zuletzt aufgrund seiner Behinderung ablehnt, ist er doppelt getroffen und muss seelisch und körperlich geschlagen herabsteigen.

Die Bergtour bedeutet eine Zäsur in seinem Leben: Er verlässt das Heimatstädtchen und beginnt fernab eine neue Existenz. Dabei findet er Geborgenheit im Hause seiner Schwester und geistige Erfüllung durch die Seelenverwandtschaft mit einem jungen Bauernbuschen, dessen malerisches Talent er erkennt und den er fürderhin künstlerisch ausbildet. So verläuft denn nach dem schroffen Abbruch der vermeintlich idyllischen Landpartie das Leben des Malers wie Storms Novelle doch noch versöhnlich.

Husum Graue Stadt am Meer - Katrin von Mengden Breucker
Husum Graue Stadt am Meer

Storm kehrte nach den schaffensreichen Heiligenstädter Jahren 1864 zunächst als Landvogt, später als preußischer Amtsrichter in seine Heimatstadt Husum zurück, bevor er sich 1880 auf seinen Alterssitz nach Hademarschen zurückzieht. Dort vollendete er kurz vor seinem Tod seine berühmteste Novelle, den „Schimmelreiter“.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

„…6.000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen“

Dass ein Mensch durch seine Umgebung inspiriert wird, ist keine grundstürzend neue Erkenntnis. Selten aber hat ein Denker eine solch enge Verbindung zwischen der Landschaft und den in ihr entstandenen Gedanken hergestellt wie Friedrich Nietzsche: „Dieses Engadin ist die Geburtsstätte meines Zarathustra. Ich fand eben noch die erste Skizze der in ihm verbundenen Gedanken; darunter steht `Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen`“. So schrieb Nietzsche seinem Freund Heinrich Köselitz, der sich auf Vorschlag Nietzsches als MusikerPeter Gast“ nannte, am 3. September 1883 nach Venedig. Nietzsche beschrieb darin den Moment, in dem ihm während eines Spaziergangs entlang des Silvaplaner Sees im Oberengadin der Gedanke der „ewigen Wiederkehr“ allen Geschehens kam. Er wurde zum gedanklichen Kern seines philosophischen Hauptwerkes „Also sprach Zarathustra“.

Bild_Text_Nietzsche_1 - Katrin von Mengden Breucker Blog

Vereinfacht gesagt geht Nietzsche davon aus, dass die Welt aus einer definierten Menge an Energie oder Kraft besteht. Das bewegte Leben ist damit nichts anderes als die jeweilige, flüchtige Manifestation einer insgesamt gleichbleibenden Energie. Zwar verändert sich das Dasein in jeder Sekunde und ist ständig in Bewegung; die Summe der zugrundeliegenden Kräfte bleibt jedoch immer gleich. Hieraus folgert Nietzsche, dass die durch die gleichbleibende Kraft hervorgerufenen Konstellationen endlich seien. Früher oder später – über Äonen gedacht – müssen sich demnach die Manifestationen der gleichbleibenden Energie wiederholen. Jeder Zustand wird tritt also früher oder später erneut auf. Alles kehrt wieder.

Bild_Text_Nietzsche_2 - Katrin von Mengden Breucker Blog

„…ich liebe die Ebenen nicht“

Zarathustra, der Protagonist in Nietzsches dichterischer Philosophie, gewinnt diese Einsicht in der Einsamkeit der Berge. Später verkündet er seine Lehren an Eingeweihte, da die Menge nicht fähig sei, seine Gedanken aufzunehmen. Dabei bleibt er, wie er selbst sagt, „ein Wanderer und Bergsteiger“. Denn, so lässt Nietzsche seinen Zarathustra sagen: „ich liebe die Ebenen nicht, und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen“.

Silvaplanersee
Von Adrian MichaelEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4480963

Nietzsches Pathos und Selbsteinschätzung – manche sagen Selbstüberschätzung – entsprach es, dass er den in „Zarathustra“ formulierten Gedanken eine ähnliche Höhe zumaß wie der Umgebung, in der sie entstanden: Das Hochtal von Sils Maria, Silvaplana und St. Moritz liegt wie der nahe Bergsteigerort Pontresina auf ca. 1.800 Meter und ist von bis zu viertausend Meter hohen Bergen umragt. Dort fand Nietzsche in sieben Sommern in den Jahren 1881 und 1883 – 1888 die äußere und innere Ruhe, um konzentriert an seinen Werken zu arbeiten. Die Höhenluft milderte seine Krankheitsanfälle, die sich namentlich in Kopfschmerzen äußerten, und war seinem schweren Augenleiden zuträglich. Die Bewegung in der Berg- und Seenlandschaft auf ausgedehnten Spaziergängen tat ihm körperlich und geistig gut: „Mein Aussehen ist übrigens vortrefflich, meine Muskulatur infolge meines beständigen Marschierens fast die eines Soldaten, Magen und Unterleib in Ordnung. Mein Nervensystem ist, in Betracht der ungeheuren Tätigkeit, die es zu leisten hat, prachtvoll […]“, schrieb Nietzsche in seinem ersten Silser Sommer 1881 an Franziska und Elisabeth Nietzsche in Naumburg.

Nietzsche_Felsen_Silvaplaner_See - Katrin von Mengden Breucker Blog

Der Fels am Silvaplaner See, an welchem Nietzsche die Inspiration zu seinem „Zarathustra“ gekommen sein soll, wird bis heute von Nietzsche-Adoranten besucht. Auf der Halbinsel Chasté, einem von Nietzsches Lieblingsorten für Spaziergänge – haben zwei seiner Bewunderer, die Musiker Carl Fuchs (1838 – 1922) und Walther Lampe (1872 – 1964), Zarathustras Mitternachtslied („Das trunkene Lied“) – in den Felsen hauen lassen.

Felsen_Mitternachtslied - Katrin von Mengden Breucker Blog

An diesem Ort – mit Blick auf den Silser See und die Berge ringsum – kann man sich lebhaft vorstellen, wie es Nietzsche ergangen sein mag, als er nachdenkend am Ufer entlangwanderte und äußerlich und innerlich Rast hielt. Nietzsche schreibt im Gedicht „Sils Maria“:

Hier saß ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts,

Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts

Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,

Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

 

Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei —

Und Zaratustra ging an mir vorbei …

See - Katrin von Mengden Breucker Blog

Ob Nietzsche auch anderorts auf „Zarathustra“ gestoßen wäre, bleibt Spekulation. Seine Gedanken sind mit dem Silser Hochtal verbunden und wer sich darauf einlassen will, kann ihnen bis heute nachspüren.

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Über Stift und Stein – was Schriftsteller und Bergsteiger verbindet

Berge sind feste Größen. Auch wenn wir von Geologen wissen, dass sich Berge aufgrund anhaltender tektonischer Verschiebungen der Erdplatten millimeterweise heben oder senken, sind sie doch der Inbegriff des Unverrückbaren. Veränderlich aber ist unser Blick auf die Berge. Dieser ist durch die Kultur und nicht zuletzt die Literatur geprägt. Unsere Annäherung an die Berge beginnt mit den Beschreibungen von Bergen und den ersten Versuchen ihrer Besteigung.

Schriftsteller Berge Buch - Katrin von Mengden Brecker Blog

Nicht nur in kulturellen Hinsicht sind Schriftsteller und Bergsteiger einander verbunden: Beide begegnen, wenn sie ihre Tätigkeit ernst nehmen, früher oder später dem eigenen Ich, blicken in ihr Inneres und stoßen dabei oft auf neue, unvermutete Empfindungen. Der Literat bringt sie zu Papier. Der Bergsteiger läuft gleichsam durch sie hindurch und kehrt körperlich erschöpft, aber mental gestärkt von seiner Tour zurück. Dies erklärt die Zufriedenheit von Bergsteigern selbst dann, wenn ihnen der Gipfel verwehrt bleibt. Und auch Schriftsteller kennen das Gefühl, dass sie trotz härtesten Ringens mit einem Text erschöpft den Stift fallen lassen und den Versuch, jedenfalls für diesen Tag, abbrechen müssen.

Berggipfel - Katrin von Mengden Brecker Blog

Der Schweizer Schriftsteller Emil Zopfi kennt beide Perspektiven: Er klettert und schreibt über Berge und beschreibt einfühlsam die Kultur des Bergsteigens, die sich bei aller physischer Anstrengung doch von sportlicher Tätigkeit unterscheidet: „Die Idee, dass eine Bergspitze ein erstrebenswertes Ziel sein könnte, für das sich Mühe und Gefahr lohnen, nimmt erst durch ihre literarische oder künstliche Darstellung Gestalt an. […] Bild und Bericht öffnen den Weg für die Nach- und Weitersteigenden. Klettern wird zu einer Art Lesen […]« (Emil Zopfi, Dichter am Berg, Alpine Literatur aus der Schweiz, Zürich 2009, Seite 13).

Schreiben - Katrin von Mengden Brecker Blog

Emil Zopfi schreibt aus eigenem Erleben. Zugleich portraitiert er in „Dichter am Berg“ schreibende Bergsteiger und steigende Literaten, darunter Hermann Hesse. Dieser beschreibt die Empfindungen, die Natur und Landschaft, Luft und Licht hervorrufen und vergleicht sie mit der Freude an der Lektüre eines Gedichtes: „Die Abwechslung von Fels und Schnee, besonnten Kanten und dunklen Schlünden an einer Gipfelkette, der launische Weg, den ein kleiner Wolkenschatten über diese zackige und zerklüftete Vielfalt hin beschreibt, können einen fesseln und entzücken wie die Rhythmen und Zäsuren eines Gedichtes.“

(Hermann Hesse, Rigi-Tagebuch, August 1945, in: Michels, Volker (Hrsg.): Hesse, Sämtliche Werke in 20 Bänden, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Band 11, Autobiographische Schriften I, Wanderungen – Kurgast – Die Nürnberger Reise – Tagebücher, 2001, Seite 720).

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Weitere Zitate aus Emil ZopfisDichter am Berg“ und Gedanken zur Wechselwirkung zwischen Bergsteigern und Schriftstellern finden Sie auf der Seite „bergzitat“ von Katrin von Mengden-Breucker unter http://www.bergzitat.de/2016/06/schreiben-und-steigen-bergsteigen-und-literatur-bei-emil-zopfi/

Alboins Bergbesteigung – eine erste mittelalterliche Gipfeltour

Was die Menschen in prähistorischer Zeit bis ins Mittelalter hinein taten und dachten, wissen wir nicht. Wir können nur nachvollziehen, was aufgezeichnet ist. Und das ist wenig genug. Wir wissen nicht, wann sich der Mensch erstmals auf einen höheren Berg hinaufwagte. Aus den bis dato bekannten Funden und Aufzeichnungen lässt sich schließen, dass er hohe Berge lieber von Ferne als aus der Nähe betrachtete und als besondere, mythische oder – je nach Religion – heilige Orte verehrte. Das heute in westlichen Kulturkreisen herrschende Verständnis der Berge als ein Teil der Natur und des Bergsteigens als einer körperlichen und mentalen Herausforderung, ist wohl erst eine Frucht der Neuzeit. Noch im Mittelalter galten Berge als gefahrdrohende, das Fortkommen hemmende Urgewalten, denen man besser fern blieb.

Alboin Alpen Nebel - Katrin von Mengden Brecker Blog
Alboin Alpen Nebel

Umso bemerkenswerter ist eine Schilderung aus dem frühen Mittelalter: Der benediktinische Mönch Paulus Diaconus (ca. 725 – 795 n. Chr.) beschreibt in seiner „Historia Langobardorum“ eine Gipfelbesteigung König Alboins auf dessen Zug aus Pannonien (heutiges westliches Ungarn) über die östlichen Alpen nach Italien. Im Jahr 568 n. Chr. soll Alboin auf einen – bei Paulus Diaconus nicht näher bezeichneten – Berg gestiegen sein, um einen ersten Blick nach Italien zu werfen:

»Als nun König Alboin mit seinem ganzen Heer und einer bunten Menge Volks im Grenzgebiet von Italien angekommen war, bestieg er einen Berg, der jene Gegend überragt, und betrachtete von dort aus ein Stück Italien, soweit sein Auge reichte.«

(Paulus Diaconus, Geschichte der Langobarden – Historia Langobardorum -, herausgegeben und übersetzt von Wolfgang F. Schwarz, Darmstadt 2009, Seite 163 Rn 8)

Alboin Alpen - Katrin von Mengden Brecker Blog

Es ist der erste bekannte mittelalterliche Bericht einer freiwilligen Bergbesteigung. Charakteristisch für das überkommene, mythische Verständnis der Berge ist es, dass die Besteigung dem König vorbehalten bleibt und einem besonderen Zweck – dem biblisch angehauchten Blick ins „gelobte Land“ – dient. Und doch rückt Alboin die Möglichkeit einer profanen „Gipfeltour“ ins Bewusstsein der Menschen und Paulus Diaconus kann bis auf Weiteres für sich in Anspruch nehmen, in seiner Langobardengeschichte im achten Jahrhundert den ersten – wenn auch kurzen – „Bergsteigerbericht“ verfasst zu haben.

Alboin Alpen Abendsonne- Katrin von Mengden Brecker Blog

 

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

„In dem dunkeln Bergwald eine Lichte“ – Johannes Trojans wandernde Betrachtungen | Willkommen auf Bergzitat.de

Die Liebe zur Natur führte Johannes Trojan (1837 – 1915) auf ausgedehnte Fußwanderungen unter anderem durch die Schweiz, Oberitalien und den Harz. Im Ton des umherstreifenden Wanderers hielt Trojan seine Eindrücke dichterisch fest. Er bewegt sich in der literarischen Tradition des 19. Jahrhunderts, des Biedermeier und des Realismus, und lehnte den aufkommenden Naturalismus ebenso ab wie die harmlosen und verharmlosenden zeitgenössischen Werke, die er als „Butzenscheibenliteratur“ karikierte. Bekannt wurde Trojan als Chefredakteur der bissig-humoristischen Berliner Satire-Zeitschrift „Kladderadatsch“. Seine Dichtungen illustrieren den Blick des Wanderers auf Berge und Natur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Quelle: „In dem dunkeln Bergwald eine Lichte“ – Johannes Trojans wandernde Betrachtungen | Willkommen auf Bergzitat.de

 

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker

Heilig und hoch – Jon Krakauer über die Grenzerfahrung Mount Everest | Bergzitat.de

Man muss nicht gleich in Superlativa verfallen, um dem Mount Everest besondere Bedeutung beizumessen. In ihm spiegelt sich und kulminiert wie in einem Brennglas das Verhältnis des Menschen zum Berg: Seit Jahrtausenden und bis heute als heilig verehrt, führten Forscherdrang und neue Messtechniken im 19. Jahrhundert zu seiner „Entdeckung“ als höchster Punkt der Erde.

Quelle: Heilig und hoch – Jon Krakauer über die Grenzerfahrung Mount Everest | Bergzitat.de

 

Katrin von Mengden-Breucker & Marius Breucker